Dies ist mehr als eine Heldengeschichte. Sie ist eine Einladung, Deine Grenzen neu zu definieren. Fauja Singh beginnt mit 81 Jahren zu laufen. Mit 89 folgt der erste Marathon. Mit 100 schreibt er Geschichte. Unsere Erde verlässt er im Juli 2025 im Alter von mutmaßlich 114 Jahren. Er stirbt nicht an Altersschwäche, sondern in Bewegung.
Bam! Der Startschuss fällt. Tausende Läufer stürmen los – der „Toronto Waterfront Marathon 2004“ hat begonnen.
Auch ich stehe mitten im Getümmel, bereit, meine persönliche Bestzeit zu knacken. Links von mir glitzert der riesige Lake Ontario wie ein Meer, rechts erhebt sich die Skyline von Toronto in den Morgenhimmel.
Doch plötzlich vergesse ich meine ambitionierten Rennziele, denn auf den ersten Kilometern mache ich eine Begegnung, die ich niemals vergessen werde. Neben mir läuft der Marathon-Weltmeister der Altersklasse Neunzig Plus. Sein Name: Fauja Singh.
Gelesen hatte ich bereits zuvor von ihm, dem damals mutmaßlich 93-jährigen Inder, der seinen ersten Marathon im Greisenalter lief. Ihn nun in Natura neben mir auf der Strecke zu sehen, beeindruckt mich tief.
Für ein paar Minuten laufe ich auf gleicher Höhe mit diesem Mann, der gut ein Dreivierteljahrhundert älter ist als ich, und spüre seine besondere Aura. Seine Ausstrahlung und sein Durchhaltevermögen sind mitreißend.
In diesem Moment ist mir klar: So möchte ich auch einmal alt werden.
Gesund, voller Lebensfreude und mit einem Ziel vor Augen.
Fauja Singh zeigt uns, dass Alter wirklich nur eine Zahl ist.
Und er entfachte einen Funken in mir, der bis heute brennt.
Wer ist dieser Fauja Singh, fragst Du Dich vielleicht, und wie wird man mit über 90 Marathonläufer?
Dies ist die Geschichte eines einfachen Bauern aus Indien, der seine größte Lebenskrise in ein unglaubliches Comeback verwandelte.
Vom Landwirt zum Läufer: Ein Neuanfang mit 81

Fauja Singh erblickt am 1. April 1911 im kleinen Dorf Beas Pind im Punjab (damals Britisch-Indien) das Licht der Welt.
Als Kind ist er so schwach auf den Beinen, dass er erst im Alter von fünf Jahren laufen lernt. Man kann sich kaum vorstellen, dass aus diesem wackeligen Jungen einmal ein Marathonläufer werden würde.
In seiner Jugend rennt er zwar leidenschaftlich gern über die Felder, doch nach seiner Hochzeit muss er seine Läuferträume erst einmal begraben. Er übernimmt die harte Arbeit auf dem Bauernhof und sorgt für seine Familie.
Jahrzehntelang führt Fauja ein einfaches Leben als Landwirt.
Dann schlägt das Schicksal zu: 1992 verliert Fauja Singh seine geliebte Frau – ein tragischer Unfall reißt sie aus dem Leben. Kurz darauf muss er auch den Tod eines Sohnes und einer Tochter verkraften.
Faujas Welt bricht zusammen.
Mit 81 Jahren steht er vor den Scherben seines Lebens und versinkt in einer tiefen Krise. In einer dunklen Ecke seines Hofes weint er bittere Tränen. Alles scheint sinnlos geworden.
Um der Einsamkeit zu entfliehen, zieht Fauja schließlich zu seinem jüngsten Sohn nach England. Doch auch in der Fremde findet der trauernde Witwer zunächst keinen Halt.
Stell Dir vor: über acht Jahrzehnte alt, das Herz gebrochen, die Heimat verlassen – zu alt für einen Neuanfang? Nicht für Fauja Singh!
Eines Tages sitzt er in London vor dem Fernseher und sieht einen Marathonlauf.
Die Bilder der Läufer wecken eine längst vergessene Leidenschaft in ihm. Er erinnert sich daran, wie sehr er das Laufen als Junge liebte. Langsam kehren Faujas Lebensgeister zurück.
Noch am selben Tag schnürt er seine Schuhe und wagt ein paar erste Schritte.
Sie sind wackelig und mühsam – über 70 Jahre ohne Sport fordern ihren Tribut. Doch Fauja spürt sofort wieder diese Freude am Laufen.
Natürlich erklären ihn alle für verrückt. „Mit über 80 fängst Du noch einmal mit dem Laufen an?“, wundern sich die Leute. Doch Fauja lässt sich von den Pessimisten nicht entmutigen.
Schritt für Schritt steigert er sein Laufpensum. Aus dem gebrochenen alten Mann wird allmählich wieder ein Läufer mit einem Ziel. Fauja hat wieder einen Sinn im Leben gefunden. Und:
Er ist seit langem zum ersten Mal wieder richtig glücklich.
Er sagt später: „Gott hat mir die Fähigkeit gegeben, zu laufen, also bin ich eben gelaufen.“
Für ihn bedeutet Laufen mehr als nur Sport. Es ist Therapie, Neuanfang und Lebensinhalt zugleich.
Mit 89 Jahren – Marathondebüt

Schnell wird klar, dass Fauja mehr will als nur ein paar Runden im Park drehen. Er setzt sich ein kühnes Ziel: einen Marathon laufen – volle 42,195 km, mit fast 90 Jahren. Zu alt, um einen Marathon zu laufen? Fauja Singh beweist das Gegenteil.
Im April 2000 steht der 89-Jährige in London zum ersten Mal an einer Marathon-Startlinie.
Niemand rechnet damit, dass der gebrechlich wirkende Inder diese Tortur durchsteht. Manch einer belächelt ihn oder schüttelt den Kopf. Doch Fauja überrascht sie alle: Er läuft und läuft – und erreicht tatsächlich das Ziel. Nach fast 7 Stunden, aber überglücklich.
Sein erster Marathon ist geschafft!
Die Zuschauer trauen ihren Augen kaum. Fauja Singh hat soeben gezeigt, dass das vermeintlich Unmögliche möglich ist.
Doch dabei bleibt es nicht. Kaum jemand ahnt, dass dies erst der Anfang von Faujas zweiter Karriere ist.
In den folgenden Jahren läuft er Marathon um Marathon.
Insgesamt absolviert Fauja Singh von 2000 bis 2013 neun Marathons – eine Zahl, die für jeden Läufer beeindruckend ist, erst recht in diesem Alter! Darunter sind prestigeträchtige Läufe wie der New York City Marathon 2003 und immer wieder der London Marathon, den er insgesamt sechsmal erfolgreich beendet.
Im September 2003 verbesserte er in Toronto seine persönliche Bestzeit auf unglaubliche 5 Stunden und 40 Minuten – im Alter von 92 Jahren! Man muss es sich auf der Zunge zergehen lassen: Mit über 90 läuft er Distanzen, zu denen auch die meisten jungen Menschen nicht in der Lage sind.
Fauja wird bei den Laufveranstaltungen zu einer kleinen Berühmtheit. Mit seinem bunten Turban und dem langen weißen Bart ist der gläubige Sikh überall ein Hingucker.
Die Fans geben ihm liebevoll den Spitznamen „Turbaned Tornado“ – der Turban-Tornado.
Und tatsächlich fegt Fauja Singh wie ein Wirbelwind durch die Marathonwelt der Senioren.
Doch sein Weg ist nicht frei von Hürden. Beim New-York-Marathon 2001, kurz nach den Anschlägen vom 11. September, schlug ihm plötzlich blanker Hass entgegen. Aufgrund seines Turbans wird Fauja von einigen ignoranten Zuschauern als „Terrorist“ beschimpft. Einige Zuschauer buhen ihn aus und beleidigen ihn auf der Strecke.
Stell Dir das vor: Ein über 90-jähriger Mann, der sich einer der größten sportlichen Herausforderungen stellt, und dann so etwas! Aber Fauja lässt sich kein bisschen beirren. Er hat in seinem Leben schon Schlimmeres überstanden und läuft einfach weiter, Schritt für Schritt, mit unerschütterlichem Willen.
Schließlich erreicht er auch in New York das Ziel – und dieses Mal lacht garantiert niemand mehr über ihn. Er gibt uns allen ein Beispiel, wie man mit Vorurteilen umgeht:
Kopf hoch! Glaub an Dich und bleib auf dem Weg, der für Dich der richtige ist.
Diese Episode zeigt, wie viel mentale Stärke und Würde in Fauja Singh steckt.
Mit 100 Jahren – Fauja Singh schreibt Weltgeschichte

Den Höhepunkt seiner Läuferlaufbahn erreicht Fauja Singh im Oktober 2011. An diesem Tag schreibt er Sportgeschichte:
Fauja nimmt mit 100 Jahren einen Marathon in Angriff.
Beim Toronto Waterfront Marathon 2011 lief er tatsächlich die kompletten 42 Kilometer und 195 Meter bis ins Ziel – als erster 100-Jähriger der Welt.
Hundert Jahre alt! Kannst Du Dir das vorstellen? Die meisten Menschen in diesem Alter sitzen im Lehnstuhl, und Fauja Singh läuft einen Marathon in rund 8 Stunden. Damit wird er zur Legende.
Da seine Geburtsurkunde nicht mehr existiert, kann das Guinness-Buch den Rekord formell nicht anerkennen, aber:
Fauja Singh gilt seitdem als ältester Mensch, der je die Marathondistanz gelaufen ist.
Die Nachricht geht um die Welt, und der „Turban-Tornado“ wird über Nacht zum Hoffnungsträger für Millionen. Er ist ein lebender Beweis dafür, dass unsere Grenzen oft viel weiter gesteckt sind, als wir glauben.
Nach diesem historischen Erfolg tritt Fauja Singh etwas kürzer, zumindest was die ganz langen Strecken angeht.
Seinen allerletzten offiziellen Langstreckenlauf absolviert er 2013 in Hongkong, im Alter von 101 Jahren: einen 10-Kilometer-Lauf, den er in 1 Stunde, 32 Minuten und 28 Sekunden beendet. Kurz darauf erklärt er seinen Rückzug aus dem Wettkampfsport.
Ich finde, mit über 100 Jahren hat er sich das Ruhestandsschild mehr als verdient.
Trotzdem bleibt er bis zu seinem Lebensende täglich aktiv und fit.
Faujas außergewöhnliche Leistungen bleiben nicht unbemerkt. In Großbritannien, wo er mittlerweile lebt, wird er geehrt und gefeiert. Sogar die Queen persönlich würdigt ihn:
2015 erhält Fauja Singh den British Empire Medal-Orden für seine Verdienste um Sport und Wohltätigkeit.
Und als wäre das nicht genug: Vor den Olympischen Spielen 2004 in Athen und 2012 in London darf Fauja Singh jeweils als Fackelträger die olympische Flamme ein Stück auf ihrem Weg begleiten.
Spätestens da kennt auch die breite Öffentlichkeit den lächelnden alten Mann mit dem Turban, der zeigt, dass Alter kein Hindernis für Größe ist.
Wie schafft es jemand, in einem Alter, das für die meisten unvorstellbar scheint, noch solche Leistungen zu erbringen?
Was ist das Geheimnis seiner Vitalität?

Ein Blick auf Faujas Lebensstil gibt Aufschluss: Er pflegte keinerlei ungesunde Laster. Weder Alkohol noch Zigaretten rührt er an, und er ernährt sich streng vegetarisch.
„Gutes Essen, kein Gift für den Körper“ – das war eines seiner Prinzipien.
Außerdem, so betonte er oft, solle man „viel lachen, stressfrei leben und sich von der Vorstellung lösen, alt zu sein“. Diese Einstellung half ihm offenbar, jung im Geist zu bleiben.
Fauja fand Wege, stets optimistisch nach vorn zu schauen, und steckte sich laufend neue Ziele, die ihn aus seiner Komfortzone brachten. Er ruhte sich nicht auf Erfolgen aus, sondern sagte sich: Was kommt als Nächstes?
Indem er sich immer wieder motivierte, weiterzumachen, blieb er geistig und körperlich fit.
Dabei legte er Wert auf die simplen Dinge im Leben: Fauja Singh leistete sich keinen großen Luxus. „Genug zu essen und ein Dach über dem Kopf“, mehr brauchte er nicht zum Glücklichsein.
Statt materieller Güter erfüllten ihn die Familie, der Glaube und die Bewegung.
Er war ein bescheidener Mann, der aber ganz groß dachte: Seine Vision war es, durch das Laufen wieder Lebenssinn zu finden, und das erreichte er, und wie!
Auch heute inspiriert er noch viele Menschen, egal welchen Alters.
Wenn Fauja Singh mit über 100 Jahren noch Laufschuhe schnürt, wer will da noch Ausreden gelten lassen?
Der indische Premierminister Narendra Modi nannte Fauja Singh einen „außergewöhnlichen Sportler“ mit „unglaublicher Entschlossenheit“, der eine Inspiration für die Jugend sei.
Fauja Singh lebt sein Motto bis er unsere Erde verlässt: Bleib aktiv, lebensfroh und immer in Bewegung.
Mit 114 Jahren – Abschied einer Legende
Am 1. April 2021 feiert Fauja (laut Pass) seinen 110. Geburtstag, umgeben von seiner großen Familie und Fans rund um den Globus. Damals hat er längst mit den Wettkämpfen aufgehört, aber:
Noch immer geht er täglich spazieren oder dreht eine kleine Laufrunde, wenn es die Kräfte zulassen.
Im Juli 2025 lese ich schließlich in der FAZ die traurige Nachricht seines Todes.
Fauja Singh kommt Mitte Juli 2025 in seinem Heimatdorf in Indien bei einem Verkehrsunfall ums Leben – mit unglaublichen 114 Jahren.
Jedenfalls ist das sein offiziell angenommenes Alter. Die Umstände sind tragisch: Fauja ist auf dem Weg zu einem seiner geliebten Felder, als er von einem Auto erfasst wird. Der Fahrer begeht Fahrerflucht, kann aber später gefasst werden.
Fauja Singh hat diese Welt also nicht aufgrund seines Alters oder etwaiger Gebrechen verlassen, sondern durch einen Unglücksfall. Fast möchte man sagen:
Selbst der Tod konnte ihn nicht einholen. Er musste ihn unfair von der Seite anrempeln.
Die Anteilnahme war riesig. In Indien und weit darüber hinaus trauerten Menschen um den „Turban-Tornado“. Sein Biograf schrieb bewegt: „Mein Turban-Tornado ist nicht mehr. Ruhe in Frieden, mein lieber Fauja.“ Zahlreiche Persönlichkeiten erinnerten an unseren Lauf-Opa.
Für viele bleibt er der lebende Beweis, dass man mit Willenskraft und Glauben an sich selbst jedes Alter überflügeln kann. Fauja Singh hinterlässt eine Botschaft, die weit über seinen Tod hinausstrahlt:
Gib niemals auf und glaub an Deine Träume – es ist nie zu spät.
Die BBC führte kurz vor Faujas Tod ein Interview mit dem 114-Jährigen. Der kurze Videobeitrag ist hier auf YouTube zu finden:
Ich denke, die unglaubliche Geschichte des einfachen, aber außergewöhnlichen Mannes berührt etwas in jedem von uns.
Was können wir daraus für uns mitnehmen?
Was wir von Fauja Singh lernen können
In meinen Augen sind es vier wichtige Lektionen, die Fauja Singh uns schenkt:
1. Setze Dir sinnstiftende Ziele.
Ziele, die seinem Leben Sinn gaben, hielten Fauja am Leben und gaben ihm Grund, morgens aufzustehen. Egal wie alt Du bist – ein Ziel vor Augen verleiht Dir Energie und Fokus.
2. Leb nach Deinen eigenen Regeln.
Andere Menschen stecken uns gern in Schubladen à la:„Dafür bist Du zu alt“. Fauja fing mit 81 noch einmal neu an und sprengte alle Erwartungen.
Was für Dich gut und richtig ist, entscheidest Du — nicht andere.
3. Hör nicht auf die Pessimisten.
Es wird immer Leute geben, die sagen „Das schaffst Du nie“. Fauja bewies ihnen, dass sie falsch liegen.
Du darfst an Dich glauben. Und am besten umgibst Du Dich mit Menschen, die das ebenfalls tun.
4. Beweg Dich – körperlich und geistig.
Fauja hat uns vorgemacht, wie wichtig ein aktiver Lebensstil in jedem Alter ist.
Bewegung, gesunde Ernährung, Humor und eine positive Einstellung waren seine Erfolgsformel. Eine Formel, die jedem Alter stand hält.
Fazit
Die Geschichte von Fauja Singh hat mich persönlich gelehrt, was Dranbleiben wirklich bedeutet. Wenn ich an den 93-jährigen Fauja denke, wie er in Toronto fröhlich Meter um Meter macht, dann verliere ich jede Ausrede.
Dann denke ich mir:
Welche Ausrede hält Dich (noch) davon ab, anzufangen – und was würde Fauja Singh Dir wohl sagen?
Vielleicht träumst Du davon, selbst im hohen Alter noch fit und gesund zu sein – so wie ich es tue.
Fauja zeigt uns, dass dieser Traum kein Hirngespinst ist.
Er ist erreichbar. Wenn Du heute die Weichen dafür stellst.
Frage: Was hat Dich an Fauja Singhs Geschichte am meisten bewegt – und was nimmst Du für Deinen eigenen Weg mit? Schreib einen Kommentar.
Bildquellen
Fotos im Beitag: © Wikipedia, Adobe Stock

